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GOLD UND KÄFIG

Mit der Performance „Giseles Index oder Plakat Taten“ in der Kölner Innenstadt zeigt das Kollektiv Bauchladen Monopol, wie Frauenbilder geprägt werden, der Körper zur Ware wird und dass Feminismus nichts Verstaubtes aus den 70ern, sondern eine nötige Perspektive auf die Konsumgesellschaft ist.

Direkt vor Esprit erklimmt Regina Rossi einen Reklame-plakatständer in der Kölner Innenstadt. Oben nimmt sie Platz und drapiert einen weiten Rock um sich, das Plakat verschwindet darunter. Eine Haartolle hat sie wie eine Playmobilfigur in die Höhe gestylt. Sie zwinkert und beginnt zu winken: „Ich bin gerade aus dem Plakat gekommen. Heute mal ohne Photoshop, aber geht auch so, oder?“. Sie beginnt Gespräche mit dem sich ansammelnden Publikum, fragt, ob sie was Schönes gekauft haben und: „Wie viel kostet eigentlich eine Schönheit?“. Heute wollen sie die Geschichte von Gisele erzählen und davon, wie Begehren geweckt wird. Die Kolleginnen kommen, alle in goldfarbenen Leggins, alle mit playmobilartigen Frisuren. Sigrid Guttenhöfer liest märchenhaft anmutende Episoden von Gisele vor, die in einer Burg eingesperrt ist und vom Handelskönig, der sie benutzt, um ein Monopol zu errichten. Zugleich wird ein Schild an uns vorbei getragen, auf dem steht: „Ist das wirklich so?“. Eine Frage, die wir uns zu selten stellen, wenn Käufl iches uns täglich Glück und Zufriedenheit verspricht. Da gelingt die Trennung von Fiktion und Realität nicht mehr, wir nehmen die Werbemärchen als Wahrheit.

Tatsächlich gibt es einen Index, der die Aktienkurse von Firmen misst, die mit dem Model Gisele Bündchen warben. Die durch das Model erreichten Kurse lagen über denen des Dow Jones. „Gisele ist tot“, ruft eine. „Macht nichts, da kommt immer eine neue nach“, wird ihr geantwortet. Ersetzbarkeit, Käuflichkeit, Geld und immer neue Begehren: ein Teufelskreis, dem wir nicht entkommen. Und so begibt sich das Kollektiv in eine Schleife und wiederholt die Geschichte der Menschen, die die Last des Goldes nicht länger tragen konnten. Sie posieren, präsentieren ihre Hinterteile, grinsen, recken die Beine in die Luft. Aus dem Posieren heraus steigern sie sich, bis alles durcheinander läuft. Sonia Franken posiert weiter auf dem roten Teppich, wird von Sophia Guttenhöfer mit Konfetti beworfen, Rossi zeigt Blätter mit Werbebotschaften („Her mit den heißen Schnallen“), Carolin Christa fragt Dinge wie: „Wer war noch mal Narziss?“. Franken lacht und hält unbeirrt den äußeren Schein aufrecht. Und so geht es auf einmal berührend darum, was für uns überhaupt Wert hat und warum.

Mit der Kölner Schildergasse hat das Kollektiv, das seinen Sitz in Hamburg und Köln hat, sich für den Tatort dessen entschieden, was es verhandelt. Es ist mutig, sich hier den Kaufl ustigen auszusetzen, die alles andere als einen kritischen Blick auf Produktwerbung werfen wollen. Dennoch gelingt das Experiment, denn sie schlagen den Konsum mit seinen eigenen Waffen, mit Glitzer, viel Schein und einem breiten Lächeln auf den Lippen, weder moralisierend noch belehrend.

JUDITH OUWENS

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